Loslassen – Mein Weg

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Wenn es denn mal so einfach wäre. Wir hören das immer wieder gerne bei Verlusten jeglicher Art. Ob nun ein Haustier das zeitliche gesegnet oder uns ein geliebter Mensch verlassen hat: „Mensch Du musst nach vorne schauen, loslassen und Dein Leben leben. Sonst lebst Du immer in der Vergangenheit.“
„Blabla, was weißt Du schon“, ist da nicht selten der vorherrschende Gedanke, denn wie geht das denn bitte so einfach, wenn das Herz an jemanden hängt und die Gedanken tagtäglich um die Person oder den geliebten Hund kreisen, der nun einfach nicht mehr bei uns ist.

Wir möchten so gern wiederholen, was einst so schön und angenehm war und unser Geist strickt gern eine ganze Geschichte darüber, mit Erläuterungen und Erklärungen, warum Loslassen gerade mal eben nicht geht.

Auf der einen Seite leiden wir wegen dem Verlust und auf der anderen Seite können wir das Leben nicht genießen, da wir in der Vergangenheit, der Erinnerungen und dem Wunsch nach einer Wiederholung „gefangen“ sind. Dabei wünschen wir uns nichts sehnlicher, als den Menschen oder den tierischen Partner zurück an unserer Seite, auf das es ewig so weitergeht. Dies fordert nicht nur unser Umfeld, das sich ewig die gleichen Geschichten anhören muss, sondern auch uns selbst, denn wir stecken sprichwörtlich fest.

Andersherum und doch ähnlich ist es auch bei „Altlasten“, die wir mit uns herumtragen. Alte Erinnerungen, Emotionen oder auch Erfahrungen, die wir umgekehrt so überhaupt gar nicht wiederholen möchten und aus diesem Grund eine Schutzmauer um uns herum aufgebaut haben, führen uns auch zu einem Verhalten, das rational schwer zu erklären ist.

Diese Erinnerungen tauchen ja auch nicht oft auf. Ganz hinten im Regal Nr. 728 unseres großen Speichers abgelegt ist diese nicht immer präsent, lässt sich aber immer mal wieder sehen, wenn eine ähnliche Situation in unser Leben zu treten scheint. Erst taucht dieses Gefühl auf, dass etwas unangenehm ist. Dann im nächsten Schritt, bevor wir überhaupt darüber nachdenken können, warum wir den Menschen, der uns da begegnet oder die Situation, die vor uns liegt gerade nicht mögen, kommt die Erinnerung scheinbar ohne Vorwarnung wieder hoch. Ein Signal, dass es sich um eine ähnliche Situation handeln könnte, wie bereits einmal erlebt.

Hier kommt es dann leider oft unbewusst zu Handlungen, die wir scheinbar nicht selbst steuern und die uns im Nachhinein oft leid tun oder uns manchmal selbst blockieren. Aber leider braucht hier nur jemand dem Abgleich unseres Unbewussten zu entsprechen und den Triggerpunkt drücken und wir gehen an die Decke, flüchten oder ziehen uns zurück, was auch immer gerade in uns ausgelöst wird.

Für mich stellt sich die Frage, ob das tatsächlich Altlasten oder Verlustängste sind, die hier wirken? Denn nicht jeder reagiert gleich auf ähnliche Situationen. Manche Menschen können super loslassen und sich neuen Dingen widmen. Andere haben scheinbar keine negativen Erfahrungen gemacht oder gehen anders damit um. Patanjali hat scheinbar dafür eine ganz einfache Erklärung.
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Patanjali

Ein weiser Gelehrter, der um 300 v.Chr. das philosophische Werk und noch heute gültige Yoga Sutra geschrieben haben soll. Hier steht in Kapitel 2 scheinbar die Antwort auf unsere Fragen.

2.7. sukha-anuśayī rāgaḥ

Dieser Vers besagt, dass die Annahme, äußere Umstände würden zum Glück führen, Gier (Raga) genannt wird. Aber auch das Verlangen aus einer vorangegangen freudvollen Erfahrung entsteht. Wir möchten das Schöne gerne wiederholen.

2.8. duḥkha-anuśayī dveṣaḥ

Hier bezieht sich Patanjali auf die Annahme, dass Abneigung durch leidvolle Erfahrung hervorgerufen wird. So möchten wir das Unangenehme vermeiden.

Er benennt diese Handlungen als Klesha, als Kräfte oder Bürden, die in uns wirken und zu diesem oder einem späteren Zeitpunkt eine direkte oder indirekte Folge (Karma) haben und gibt uns direkte Hinweise darauf, wie wir diese im Keim ersticken können.
Seiner Meinung nach ist die Anhaftung des wahren Selbst (Drashtu) an das Wandelbare die Ursache von Leiden. Und als Ursache nennt er mangelnde Erkenntnisfähigkeit (Avidya).
Der Weg besteht darin genügend Unterscheidungsfähigkeit zu entwickeln, um die Identifikation aufzulösen. Um dies zu erreichen haben wir die 8 Stufen des Yoga.

Einfach oder nicht?

Aber mal ehrlich, hilft mir das im Hier und Jetzt? Wenn ich jetzt leide, wenn ich gerade jemanden verloren habe und nicht weiß, wohin mit mir, was mache ich dann? Wie kann ich genügend Unterscheidungsfähigkeit entwickeln, wenn mir gerade der „Arsch auf Grundeis“ geht?
Was mache ich mit den ganzen Gefühlen, die in mir brodeln, wenn mich jemand triggert und wie kann ich, wütend oder traurig aus einem Gespräch kommend, gerade dann agieren, statt zu reagieren? Ich finde das ehrlich gesagt ganz und gar nicht einfach.

Und so geht es auch uns Yogalehrern, die im Grunde ja auch Yoga praktizieren, um sich selbst zu finden und ihr Leben anders zu leben als bisher. Wir haben auch unsere Themen und Probleme, mit denen wir uns beschäftigen. Und so sind viele dieser Sprüche Momentaufnahmen nach einer wunderschönen Yogapraxis, nach einer schönen Erfahrung im Unterrichten oder durch Erkenntnisse im Verlauf unserer Yogazeit entstanden. Aber selten erzählen sie die Geschichte dahinter, den Weg dahin.

Mein Weg zum Loslassen

Meiner Meinung nach lässt sich loslassen nicht in einem Satz oder einem Spruch erklären. Loslassen ist etwas, das in Dir entsteht. Es ist nichts, dass Du tatsächlich von jetzt auf gleich tun kannst. Es ist ein Vorgang, der durch das Zusammenspiel von Reflektion, Erkenntnis und Zeit entsteht.

Ein Lehrer fragte mich mal, ob ich einen Löffel, der vor mir auf dem Tisch liegt, loslassen könnte. Ich war zu dieser Zeit an einem Scheideweg meines Lebens. Ich wollte meinen Job und meine Wohnung kündigen um zu reisen und zu lernen. Gleichzeitig merkte ich jedoch, dass ich an allem „zu Hause“ doch noch sehr hing. An meiner Mutter, meinen Freunden, meiner Arbeit und ich war verzweifelt, fragte mich, ob ich das Richtige tue und war drauf und dran, alles rückgängig zu machen und mein altes Leben wieder aufzunehmen.

Ich war erst einmal verwirrt als mein Lehrer mich bat, tatsächlich einen Löffel vor mir auf den Tisch zu legen. Als ich das tat und den Löffel betrachtete, fiel mir auf, dass ein Löffel, der dort entfernt von mir liegt, nicht von mir bewegt werden kann. Ich kann mich anstrengen, den Löffel anstarren, über den Löffel nachdenken und mir die wildesten Geschichten ausmalen. Ich kann versuchen den Löffel zu ignorieren und mir wegzudenken. Aber tatsächlich wird der Löffel sich kein Stück bewegen.

Was ist also der erste Schritt, fragte mich mein Lehrer? Mir fiel auf, dass ich den Löffel erst einmal in die Hand nehmen muss, bevor ich ihn weglegen oder loslassen kann.
Das war dann die entscheidende Erkenntnis, die sich auf jeden Menschen und auch auf jede Situation anwenden lässt. Bevor Du die Dinge nicht annimmst, kannst Du sie nicht loslassen. Du musst also die Situation mit all dem, was sie hervorbringt für Dich akzeptieren. Alle Handlungen haben auch eine Wirkung.

Bevor Du jedoch nicht die aktuelle Situation vollkommen annehmen kannst, Dich dagegen wehrst, sie in Deinem inneren zu ändern versuchst, so wie Du sie gerne hättest, es anders sehen möchtest, es Dir schön denkst, es nicht akzeptieren kannst, wirst Du leiden. Du kannst zwar kurzweilig wegschauen und Dich ablenken aber der Löffel wird Dich immer wieder anblinken.

Du kannst auch im Außen (also Dein Leben) alles ändern, wegziehen, kündigen oder sonst etwas machen aber Dich selbst (also den Löffel) nimmst Du immer mit. In der nächsten Wohnung liegt wieder der Löffel auf dem Tisch. Vielleicht ist es ein anderer Tisch und andere Stühle, aber der Löffel ist derselbe.

Du musst also erstmal nach innen schauen, den Löffel in die Hand nehmen und überlegen, wofür er steht. Wenn Du Dir dann darüber klar bist, was dieser bedeutet und was Dir wichtig ist, kannst Du auch eine klare Entscheidung treffen.

Jetzt möchtet ihr natürlich wissen, wie ich mich entschieden habe damals? Nun mein Lehrer sagte, wenn ich keine Klarheit hätte, würde ich auf meinen Reisen nur voller Heimweh zurückblicken und nach Hause wollen. Ich müsste mir sicher sein, was ich will und dafür müsste ich meine Handlungen und daraus folgenden Konsequenzen überdenken.

Nun, ich habe die Situation angeschaut und mir Gedanken darüber gemacht. Meine Familie und meine Freunde sind mir natürlich absolut wichtig, da kam nichts dran. Was mir aber noch wichtiger war, war meine persönliche Entwicklung, mein Weiterkommen, mein Lebensglück und meine Lebensfreude. Und diese hatte ich damals verloren.

Somit nahm ich den Löffel und fand heraus, dass der für meine Angst stand. Er stand für meine Angst, die Menschen in meinem Leben zu verlieren, die mir wichtig sind, am Ende allein dazustehen und nicht wissen, wohin ich gehen soll und wie ich nach dem Reisen mein Geld verdienen kann. Ich nahm diesen Löffel und legte ihn bewusst zur Seite. Ich tauschte ihn durch Vertrauen, dass der tiefe Wunsch zu Reisen einen Sinn und Grund hat, der sich mir noch erschließen würde. Ich lies alles hinter mir und ging in dem Vertrauen, dass sich alles zum richtigen Zeitpunkt fügen würde.

Die Reisen durch fremde Länder haben mir viele neue Perspektiven eröffnet und mir eine Freiheit eröffnet, die mich bis jetzt durch mein weiteres Leben trägt. Ich habe nicht nur zum Yoga gefunden, sondern dadurch unglaublich viel über das Leben gelernt.
Natürlich habe ich öfters Heimweg gehabt, nach Hause gedacht und es war zu einer Zeit ohne Facebook und Mobiltelefone. Aber ich hatte immer im Herzen, warum ich das alles mache und wusste, dass ich eines Tages zurückkehren werde. Die Menschen, die wichtig waren, sind auch noch heute in meinem Leben. Und es sind viele neue wichtige Menschen dazu gekommen. Von daher habe ich nichts verloren, sondern nur gewonnen.
Was mir geholfen hat, war zu meditieren und die Angst immer wieder anzunehmen und in Vertrauen zu verwandeln. Und das mache ich noch heute.

Wenn es etwas im Leben gibt, dass ich schwer loslassen kann, hilft mir genau das. Ich suche den Löffel in meinem Inneren und finde heraus, wofür er steht. Das nehme ich mit in meine Yoga- und Meditationspraxis. Ich schaue dann nach vorne und nicht zurück. Denn die Vergangenheit ist da zum Zurückblicken und Lächeln, aber nicht, um Vergangenes erneut zu durchleben.
Das Loslassen passiert dann Schritt für Schritt, mit jedem Atemzug, mit jedem neuen und wundervollen Tag, in dem ich erkenne, dass das was vor mir liegt zu wundervoll ist, um vor lauter Rückblick verpasst zu werden.

Und irgendwann nach einer Zeit merke ich plötzlich, dass ich frei bin. Das sind die Momente des absoluten Glücks, in dem dann die tollen Weisheitssprüche entstehen. Scheinbar in einer Sekunde geboren, steht doch hinter jedem einzelnen eine Geschichte, die erzählt werden will.

2 thoughts on “Loslassen – Mein Weg

  1. Hallo,
    loszulassen kann wircklich schwierig sein. Gerade Dinge, die wir schon lange mit uns herumtragen kann man nicht von einem Moment auf den anderen loslassen, es ist ein Prozess aber es ist möglich. Ich versuche immer auf mein Bauchgefühl zu hören. Was tut mir wirklich gut? Was bringt mich meinem Ziel näher? Wenn ich negative Dinge entdecke nehme ich diese erst mal so an und versuche sie dann durch Positive zu eretzen. So konnte ich schon einige negative Glaubenssätze und Gedanken reduzieren.

    Gruß,
    Markus

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