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  1. Hallo Markus, schön, dass du dir heute Zeit für unsere Community nimmst.
    Magst du dich zu Beginn einmal kurz unseren Leser:innen vorstellen und uns erzählen, wie dein Weg zum Yoga begonnen hat?

Ich bin Markus Henning Giess, neben meiner Frau, Mitgründer von Yin Therapy – Yin Yoga, Restorative Yoga & Meditation-Ausbildungen. Seit über 30 Jahren praktiziere ich Yoga und unterrichte seit knapp 15 Jahren international Yin Yoga Ausbildungen.
Mein Weg zum Yoga begann 1994 mit einem gestressten jungen Mann (mich), der in einem großen Hamburger Einkaufszentrum (wo auch sonst?) seinen ersten buddhistischen Mönch und späteren Meditationslehrer kennenlernte. Dieser Mönch und einer seiner Kollegen brachte mir Meditation, buddhistische Philosophie und Psychologie bei. Das war der Beginn meiner spirituellen Reise.

  1. Bei der Vorbereitung auf dieses Interview habe ich einen Blick in deine Biografie geworfen – und war beeindruckt, wie vielfältig dein Weg und deine Ausbildungen sind.
    Was hat dich letztlich so sehr am Yin Yoga fasziniert, dass du dich auf diese Praxis spezialisiert hast?

In meinem früheren Leben war ich Musicaldarsteller und habe in Stücken wie Cats, Buddy Holly und Elisabeth mitgewirkt. In dieser Zeit hatte ich einen Bandscheibenvorfall und entwickelte chronische Rückenschmerzen, die mich nach vielen Schmerztherapien 2006 dazu bewegten, den Musicalberuf an den Nagel zu hängen und Yoga & Körperarbeit hauptberuflich auszuüben.
Ich bin damals über Hatha Yoga, Iyengar Yoga, Asthanga Yoga zum Power Yoga gekommen und geblieben. Allerdings stellte ich fest, dass sich meine Rückenschmerzen nur temporär verbesserten. Bryan Kest mein Power-Yoga-Ausbilder erwähnte in seiner Ausbildung einen Namen eines Yogalehrers und Yogastils, den wir uns einmal anschauen sollten. PAUL GRILLEY – YIN YOGA.

Karin (meine Frau) fand die Praxis wundervoll. Ich hingegen war erst nur an Paul Gilleys Anatomiewissen des individuellen Knochenbaus interessiert. Und dann passierte etwas Seltsames. Nach einer Yin Yoga Stunde mit Karin bin ich am nächsten Tag nach ca. 8 Jahren chronischen Rückenschmerzen schmerzfrei aufgewacht. Wie konnte das sein, wenn meine Ärzte meinten ich wäre austherapiert und ich müsse mich an die Schmerzen gewöhnen.
Das hatte mein Interesse geweckt. Ich begann regelmäßig zu praktizieren, Ausbildungen bei Paul & Suzee Grilley zu belegen, nach einer Weile ihnen zu assistieren und mich mit Spezialisten (Ärzten, Physiotherapeuten, Osteopathen etc.) zusammenzusetzen, um herauszubekommen, warum lang gehaltene statische Dehnungen so einen positiven Effekt haben. Zu dieser Zeit kam auch die Faszienforschung mit den ersten Ergebnissen heraus und die ersten größeren Seminare der Faszien-Experten rund um Robert Schleip, wurden gegeben.

Zwei Jahre nachdem ich passives Yin Yoga neben meiner Yang Yoga Praxis in mein Leben aufgenommen hatte, war ich nach 10 Jahren chronischen Schmerzen, schmerzbefreit und ich hatte Antworten, warum das so war. Der Entschluss stand für mich fest, dass ich diese Praxis und Infos rund um diese faszinierende Praxis mit so vielen Menschen wie möglich teilen möchte.

  1. Wenn du Yin Yoga jemandem erklären müsstest, der noch nie davon gehört hat, wie würdest du es der Person nahebringen?

Ich tendiere dazu dem Menschen erst einmal die physische Praxis und Vorteile zu erklären, um ihn da abzuholen, wo er sich gerade befindet und nach einer Weile des Praktizierens auf die emotionale, energetische und mentale Wirkungsweise des Yin Yoga eingehen.

Aus rein körperlicher Sicht betrachtet:
»Yin Yoga sind lang gehaltene statische Dehnhaltungen (Stimulationen), 3-5 Minuten, ohne Muskelanspannung.«

Durch die langen Haltungen wirken wir beruhigend auf das Nerven-, Muskel- und Faszien-System und auf die Organfunktionen ein, was zu einer Stressreduzierung (Schmerzreduzierung) bis hin zu Stressbefreiung (Schmerzbefreiung) führen kann.
Jeder Mensch, auch ein steifer Mensch, kann Yin Yoga praktizieren, da diese Praxis den individuellen Körperbau respektiert. Wir nutzen individuelle Variationen mit Hilfsmitteln, um jedem Praktizierenden zu ermöglichen in der Haltung zu entspannen. Wir sind an der Gesunderhaltung der Gewebe und an der Entspannung unseres Nervensystems interessiert und praktizieren deshalb in einer moderaten Tiefe. Wir achten darauf, dass jeder Schüler in seiner Mitte bleibt und sich wohl fühlt.

  1. Was ist Yin Yoga für dich persönlich?

Es klingt wie eine abgedroschene Phrase, aber ich sehe (fühle) Yin Yoga als Geschenk.
Yin Yoga ist die perfekte Mitte zwischen Yang Yoga und Meditation, es ist der Weg von der grobstofflichen auf die feinstoffliche Ebene, von einer leistungsorientierten auf eine Wohlfühl- und Beziehungsorientierten Ausrichtung, es ist physische, emotionale, energetische und mentale Arbeit und ebnet den Weg zur tieferen Innenschau.

  1. Wir leben in einer Gesellschaft, die oft von Aktivität, Leistung und Geschwindigkeit geprägt ist – also sehr „yang“. Welche Rolle spielt der Yin-Aspekt deiner Meinung nach für ein gesundes Gleichgewicht im Leben?

Eine essenzielle Rolle. Hier könnte ich in die moderne Psychologie abwandern und genau die Modelle vorstellen und gegenüberstellen, die sich mit dem Ausgleich (Yin/Yang) des Nervensystems beschäftigen, aber das würde den Rahmen dieses Newsletters sprengen.
Gerade in der Blütezeit der Nachkriegsgenerationen hat sich das aktive Yang »Höher-Schneller-Weiter-Prinzip« entwickelt und als Gesellschaft haben wir Aktivität, Leistung und Geschwindigkeit als positive Aspekte unseres Lebens in Werte umgewandelt und in unser Glaubenssystem aufgenommen.

Ende des 20. Jahrhunderts konnten wir die negativen Auswirkungen bereits beobachten. Immer mehr Menschen litten an Burnout, Depressionen und stressbedingten Erkrankungen. Zusätzlich kommen in der modernen Welt des 21. Jahrhunderts zusätzliche Belastungen und Ängste hinzu: eine rasende Digitalisierung, permanente Veränderung (und Unsicherheit) der Arbeitswelt durch Ki, Globalisierung, Klimawandel, Pandemie, Kriegen & Co.!

Unser Name – Yin Therapy (Yin Therapie) – ist eine reflektierte Wahrnehmung unserer Zeit. Wir sind der Meinung, dass man die modernen Herausforderungen sehr gut bewältigen kann, wenn man für einen entsprechenden Ausgleich sorgt.

Die Praxis des Yin Yoga deckt sehr schnell auf, wo wir uns gerade im Leben befinden. Wir überprüfen unsere Werte. Oftmals haben wir Werte wie
1. »Ausruhen ist nur für Schwache« oder
2. »Ich gehe lieber laufen«.

Beide Glaubenssätze sind behindernd. 1. Lässt im Alltag nicht zu, dass wir entspannen und 2. Führt das Höher-Schneller-Weiter-Prinzip fort, was beides zu einem langsamen Ausbrennen führt.
Den Ausgleich durch Yin wie Meditation, Restorative Yoga, Yin Yoga und andere Techniken das Nervensystem herunterzuregulieren und den Körper zu entspannen, ist absolut notwendig für ein ausgeglichenes Leben und stellt in meinen Augen eine moderne Therapie dar.

  1. Gemeinsam mit deiner Partnerin bildet ihr weltweit Menschen aus und habt ein umfassendes Ausbildungsprogramm rund um Yin Yoga und Anatomie entwickelt. Kannst du uns einen Einblick geben, wie eure Ausbildung aufgebaut ist und warum ihr euch für eine Struktur in vier Teilen entschieden habt?

Wir haben uns für vier Teile entschieden, weil wir jedem Schüler die maximale Freiheit geben möchten. Der Schüler kann je nach Zeit und Geldbeutel so viele Module im Jahr buchen, wie er möchte. Ebenso kann der Schüler mit einem Modul 1 anfangen, ohne sich direkt auf ein ganzes 200h Programm zu verpflichten. Und der Schüler ist an kein Studio und keine Stadt direkt gebunden.
Außerdem bietet uns als Ausbilder ein Programm in Modulen die Möglichkeit verschiedene aufeinander aufbauende Schwerpunkte zu setzen.

  1. Was war euch bei der Konzeption eurer Ausbildung besonders wichtig – sowohl inhaltlich als auch in Bezug auf die persönliche Entwicklung der Teilnehmer:innen?

Bei der Konzeption unserer Ausbildung war es uns wichtig die Anatomie in den ersten 100h in den Vordergrund zu rücken. Als Yogalehrer haben wir tagtäglich mit den verschiedensten Körpern (groß, klein, über-, untergewichtig, gelenkig, ungelenkig, große und kleine Dehntoleranz) in unserem Unterricht zu tun und mit Menschen die mit Vorverletzungen, Vorerkrankungen und möglicherweise chronischen Schmerzen in den Unterricht kommen. Anatomie ist der Schlüssel für Kontrolle und Sicherheit im Unterricht.

Im Modul 1 legen wir deswegen Wert darauf, dass das Zielgebiet und die dazugehörige Anatomie und Biomechanik jeder einzelnen Asana klar wird. Darüber hinaus besprechen wir den individuellen Knochen(Menschen)bau, zeigen Knochenbilder und testen die große Individualität der einzelnen Menschen im Teacher Training und unterscheiden hierbei Gelenkigkeit und Beweglichkeit. Immer wieder ein Aha-Erlebnis für die Schüler. Darauf aufbauend lernen wir ein 7 Punkte Analyseprinzip, um jede Asana und jeden Menschen analysieren zu können, um sinnvolle und hilfreiche Assists geben zu können. So schaffen wir Sicherheit für den angehenden Yin Yoga Lehrer in seinem Unterrichten.

Das Modul 2 vertieft auf vielen Ebenen das erste Modul, stellt aber auch ein Perspektivenwechsel dar. Während in den ersten 50h die Aufmerksamkeit auf kompaktes kognitives und Lernen und praktisches Umsetzen war, steht das Fühlen in langen Yin Yoga Praxisstunden im Vordergrund und wir besprechen die emotionale Ebene bei z. B. Hüftöffnern. Wir schauen uns ebenso an wie ein Personal Training mit Yin Yoga aussehen könnte und gehen stärker auf Meditation ein. Während im Modul 1 die Wirbelsäule (Bandscheibenvorfälle und Co.) als ein Anatomiethema tiefer behandelt wurde, steht im zweiten Modul das Knie- und Hüftgelenk im Vordergrund.

Nach dem Modul 2 ist man von der Yogapraxis und dem anatomischen Verständnis gefestigt und es ist Zeit die anderen Aspekte des Yin Yoga zu beleuchten.

Schüler die das Modul 3 + 4 wählen, möchten über den grobstofflichen Körper hinaus sich mit dem feinstofflichen Körper und der dazugehörigen Philosophie beschäftigen. Dies sind intensivere Module, die das innere Wachstum eines jeden Schülers fördern – die Reise vom Grobstofflichen zum Feinstofflichen. Wir beschäftigen uns mit Nadis, Chakren, Meridianen, versuchen den Prana- und Chifluss im Körper bewusst wahrzunehmen. Wir arbeiten mit Chakra-Meditation und Bija-Mantras, um den Energiekörper anzuregen, um eine Erfahrung des Energiekörpers und die Unterscheidung zum physischen Körper zu ermöglichen. Lange Meditationen und Yin Yoga Praxis sind im Modul 3 essenziell, um tiefer und tiefer abzutauchen. Diese energetische Arbeit kann aufwühlend sein, da es Emotionen an die Oberfläche spülen kann. Buddhistische und yogische Psychologie und Philosophie bieten hier den Halt und die Einordnung in eine Jahrtausende altes System. Wie gehen wir als Lehrer um mit Menschen in unserem Unterricht, die diese emotionalen, energetischen oder mentalen Erfahrungen machen? Genau das werden wir besprechen. Im Modul 4 schließen wir mit einer Prüfung das Teacher Training ab.

 

  1. Viele Menschen praktizieren Yoga zunächst für sich selbst. Warum kann es deiner Meinung nach besonders bereichernd sein, sich intensiver mit Yin Yoga auseinanderzusetzen oder sogar eine Ausbildung in diesem Bereich zu machen?

Weil Yoga zeitgemäß und extrem alltagsrelevant ist. Und damit meine ich nicht den temporären stressreduzierenden Effekt einer physischen Yogapraxis. Ich meine die tiefe Auseinandersetzung mit unseren Glaubenssätzen, Werten und Verhaltensmustern.
Ein Ziel der buddhistischen und yogischen Praxis ist es (inneres) Leiden zu beenden. Es ist der Weg in der modernen Welt mit Stress, Drama und Trauma besser umgehen zu können.
In den alten Zeiten hatten Yogaschüler einen Guru. Der Guru festigte den Schüler in der Ethik durch gewisse Auflagen. Erst dann gab er dem Schüler eine Übung in Meditation, Pranayama oder Asanapraxis. Die Schüler waren zumeist Jahre bei dem Meister und der Lehrer baute den Schüler langsam auf. Der Schüler hatte die Möglichkeit jederzeit Fragen zu stellen und sich Schritt für Schritt zu entwickeln.
Dieses System haben wir im Westen nicht. Um im Westen mehr tiefe in der Theorie und Praxis zu erlangen, scheint es fast so, dass wir Lehrerausbildungen und (echte) Retreats machen müssen.
Wir versuchen in unserer Ausbildung so viel Tiefe und Alltagsrelevanz der yogischen Arbeit zu vermitteln, wie es geht. Die eigene innere Entwicklung sollte immer Priorität vor dem Unterrichten haben. Hat man das yogische Erfahrungswissen aufgebaut, hat man etwas, das man authentisch an andere Menschen weitergeben kann.
Jede Vertiefung lohnt sich.

  1. Wenn du Yin Yoga in drei Worten und einem Gefühl beschreiben müsstest – welche wären das?

Worte: Stille – Achtsamkeit – Loslassen
Gefühl: Ruhe & Gelassenheit

  1. Zum Abschluss: Gibt es etwas, das du unseren Leser:innen gerne mit auf den Weg geben möchtest – vielleicht einen Gedanken oder eine Inspiration aus deiner Yin-Praxis?

Sehr gerne.
Wenn wir als nicht geschulter Taucher am Meeresboden unkontrolliert und ständig in Bewegung sind, wühlen wir den Sand auf, bis wir die Hand nicht mehr vor Augen sehen können. – Das ist unser tägliches Leben im Ich/Ego, Stress und Leiden.
Wenn wir als geschulter Taucher ein paar Minuten in Stille verweilen, sinkt der aufgewühlte Sand wieder zurück zum Meeresboden und wir können kilometerweit schauen. Hier sehen wir die Wunder der Natur, das Licht, die bunten Fische und die Korallen mit einer bestechenden Klarheit. – Das ist das Leben eines Meditierenden, eines Yoga-Praktizierenden.

Jede Schulung in Meditation & Yoga und die vertiefende Praxis lohnt sich.
Viel Spaß dabei.